Das gemeinsamen Aufstand der Deutschen und Russen im Juni 1920

Sunday, 30 November 2008, 20:42 | Category : German Colonies
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Rapport des Leiters der Odessauer Gebietsmiliz über den gemeinsamen Aufstand der Deutschen und Russen im Juni 1920.

(….Juli 1920)

 

RAPPORT über den Aufstand in der Gegend der Städte Ovidiopol – Majaki im Juni 1920.

So wie ich mich vor Ort an Hand der Unterlagen über den stattgefundenen Aufstand kundig machen konnte, scheint mir dass dieser keinen rein örtlichen Charakter hatte und kam nicht zu Stande durch die Getreide – Pflichtablieferung oder durch geführte Mobilmachung, sondern hatte einen wesentlich tieferen Charakter. Die Pflichtablieferung und Mobilmachung hatten so was wie eine Rolle eines Schirmes gespielt, hinter dem sich die waren Begierden der Anführer versteckt waren. Auf das wurde je nach den örtlichen Gegebenheiten gesetzt. Einer der wichtigen Beweise ist die Tatsache, dass die Anführer des Aufstandes alle aus der Reihen der freiwilligen Offiziere waren. Diese haben auch im letzten Jahr den Aufstand unter Devise “Nieder mit der Sowjetmacht, es lebe die konstituierende Versammlung“ veranstaltet. Einige von denen, BARDT und HÄBERLE und andere, Namen derer noch nicht festgestellt werden konnte, waren auch dieses Jahr Anführer dieser Bewegung, haben aber etwas die Devisen geändert, jetzt wurde ausgerufen – „Es lebe die Sowjetmacht – nieder mit den Kommunen“

Es muss noch erwahnt werden, dass zu den Aufständischen die Agitatoren aus Odessa und aus dem Dalnik kamen, so dass in allem eine enge Verbindung zu Weißen Krimarmee zu spüren ist.

Manche örtliche Mitarbeiter behaupten auch, dass hier es nicht ohne Hilfe aus Rumänien zuging und begründen es erstens dadurch, dass die Aufständischen ganz neue russische Gewehre mit ausreichender Menge an Patronen und Handbomben hatten. Diese konnten sie nur von dort bekommen, da die Aufbewahrung der Waffen auf diese Art bei sich sie keine Möglichkeit hatten. Zweitens, seit dem Aufstand ziehe Rumänien ihre Armee bei Ackerman* und am nahe liegenden Ufer zusammen, d.h. an den Plätzen auf der Gegenseiten von derer auch der Aufstand war. Drittens, nach der Zerschlagung durch die Rote Armee, eine bedeutende Anzahl der Aufständischen in das rumänische Schilfufer ging und diese hatten es nicht verhindert, was sie schon oft unseren Fischern nicht gestattet hatten.

Der Aufstand begann fast gleichzeitig in der Gegend von Majaki und in den deutschen Kolonien, die sich im Nordwesten von Bolschaja Ackarsha** befinden, am 27-ten Juni dieses Jahres. Das Zentrum des Aufstandes war in der Stadt Majaki, in der bis dahin alles ruhig war und nur festgestellt wurde, dass die einberufungsalte Jugend zu Mobilmachung nicht erscheint. In der Nacht auf den 27-ten war das friedliche Leben der Stadt zu Ende. Es erfolgten Uberfalle auf alle Sowjetbehörden sowie Wohnungen der Kommunisten.

Der dort befindlicher 10-ter Kreis der Odessauer Gebietssowjetischer Arbeiter, – und Bauernmiliz war total demoliert, Fenster und Türen kaputtgeschlagen, Fensterglas ausgeschlagen, alle Mappen und Eigentum entwendet. Ein Teil der Milizionären mit örtlichen Kommunisten, an der Zahl von etwa 10 Leuten, zogen sich in Richtung von Beljaewka zurück , wo sie sich den Truppen von Genosse Shukowskij anschlossen, ein Teil war überrascht und musste sich in den Gärten und dem Schilfufer verstecken. Auf diese Art haben die Aufständischen die Stadt, für alle völlig uberraschend, und ohne jeglichen Widerstand erobert.

Für so was Unvermutete (übrigens der Aufstand überraschte alle Machthaber der Stadt im Theater) mache ich den Leiter des 10-ten Kreises Genosse Okun verantwortlich – für mich ist es unverständlich, warum die Miliz die unter Einwohnern wohnt und mit denen umgeht nichts wissen konnte. Wie die Beobachter sagen, den Aufstand organisierten ca. 200 Leute, aber im Verlauf schlossen noch viele an.

Sobald es hell wurde läuteten die Glocken und eine Versammlung wurde organisiert, auf der das Thema des Aufstandes besprochen wurde. Gesprochen haben aus Odessa und aus dem Dalnik angekommenen Agitatoren und örtliche Aufständischen. Einige hüteten sich so einen Schritt zu wagen, aber die meisten, angetrieben durch allerschlimmste miese provokatorische Agitation, entschlossen sich zu rebellieren.

Übrigens, über die Sowjetmacht und die Kommunisten wurden unglaubliche Sachen gesagt: so anscheinend gibt es bald eine Mobilmachung für die Frauen und diese irgendwohin, sowie fast nach China, zu gemeinschaftlicher Verwendung und sonstigen Blödsinn geschickt werden. Diese Agitation fiel auf den fruchtbaren Boden – der größte Teil der Bevölkerung ist sehr wohlhabend und zudem sind noch Altgläubige. Auf der Versammlung wurde als Anführer der Aufständischen Majaker Truppe der in der ganzen Gegend bekannte Verbrecher Leschtschinski (der Majaker) gewählt. Und was sehr charakteristisch und besonders bemerkenswert ist – als Kommandeur der Verteidigung der Stadt Majaki – wurde gewählt – ein örtlich ansässiger Volksuntersuchungsrichter und als Kommandant – ein Volksrichter (an die Namen kann ich mich nicht erinnern, werden genannt mit zusätzlichen Unterlagen).

Aufständischen haben von Anbeginn des Aufstandes begonnen auf die Straßen zu laufen und Männer zu zwingen mitzukommen. Dann fuhr ein Teil der Aufständischen nach Beljaewka, wo von denen eine Zusammenkunft versammelt wurde und denen vorgeschlagen wurde sich anzuschließen, aber die aus Beljaewka haben das abgelehnt und nur ca. 15 Leute gingen mit.

Gleichzeitig entbrannte unter Führung von Häberle und Bardt auch der Aufstand in den deutschen Dörfern Peterstal und Josefstal. Die Gesamtzahl der Aufständischen in diesen Kolonien konnte nicht festgestellt werden, aber im Schnitt gab es von denen und Russen gleich viele. Abgeordnete der Aufständischen von diesen Dörfern waren auch in Bolschaja** und Malaja Ackarsha***, Selz, Baden und Kandel, aber deutsche Kolonisten, in Erinnerung der guten Lehre vom vergangenen Jahr, lehnte die Beteiligung ab, besonders gegen den Aufstand war Bolschaja Ackarsha**.

Die aufständischen Deutschen gingen nach Majaki und Kalagleja, wo sie sich den russischen Aufständischen anschlossen, und starteten den Angriff auf Ovidiopol. In Kalagleja haben die den Hauptstab und eine beträchtliche Reserve zurückgelassen, nach Ovidiopol gingen ca. 300 Fuhren mit 4 Maschinengewehren „Maxim“ und unbekannter Anzahl von leichten Maschinengewehren. Auf jeder Fuhre sa?en 4-5 Leute.

Dort begegnete ihnen die Miliz und stationierte dort Kompanie. Nach einem dreistündigen Kampf zogen sich unsere Kräfte, die von allen Seiten umzingelt waren, zurück. Übrigens kamen die Aufständischen zum Teil auf den Booten (ca. 20 Stück) an und setzten so was wie Landungstruppen ab, auf diese Art wurden sofort die Räume der Kreismiliz erobert. Hier passierte das Gleiche wie in Majaki – Sowjetverwaltungen wurden demoliert, Kommunisten wurden gesucht und ihre Quartiere zerstört. Am Wagen, auf dem ein Maschinengewehr aufgebaut war, wurde ein Pferd erschossen und das andere wurde verletzt, das Maschinengewehr konnte nicht gerettet werde und dieses fiel in die Hände der Aufständischen. Fast alle Aufständischen waren völlig betrunken und kämpften wohl deswegen gut.

Von den Einwohnern von Ovidiopol schlossen sich wenige an, und von denen mehr aus dem Vorort Lewaja Skurta. Die Miliz, nach Aussagen von Militärorganen und Mitgliedern der Revolutionskomitees, verhielt sich ausgezeichnet, kämpfte gut und es gab keinen einzigen, der verschwand oder geflüchtet ist. In der Nacht auf den 30-ten Juni, ungefähr 2 Uhr, kam an die Stadt ein Trupp, der aus Odessa gesandt wurde. Nach ca. 5-stündigem Kampf verließen die Aufständischen die Stadt und zogen sich nach Kalagleja zurück, wobei auf die Stadt 12 Geschosse abgefeuert wurden. Während des Rückzuges der Aufständischen wurde das Maschinengewehr der Miliz wieder abgenommen.

Zu gleicher Zeit als die bei Ovidiopol zerschlagen wurden, wurden die auch zerschlagen bei Majaki. Dadurch wurden die von zwei Seiten nach Karagol**** gedrängt. Bei weiterem Angriff unserer Truppen auf Majaki, gaben die Aufstandischen bei Karagol**** noch einen 2-stundigen Kampf, wurden aber zerschlagen und flohen in alle Richtungen. Die Aufständischen aus Majaki flohen mit zwei Maschinengewehren in den rumänische Schilfufer und die Deutschen in eigene Kolonien.

Die 121 Brigade der Innen-Militärüberwachung, die den Aufstand bekämpft hatte, organisierte sofort eine Kommission zu Liquidierung des Aufstandes, Feststellung der Beteiligten und Konfiszierung ihres Eigentums. Von Anfang an gab es keine strengen Repressivmaßnamen zu den Aufständischen und ich befürchte, dass so eine humane Behandlung nur schaden wird, da so schlecht belehrte wieder aufständisch werden können. Die Kreismiliz ist wieder funktionsfähig, befindet sich aber im schlechten Zustand weil alles vernichtet ist, man muss von vorne beginnen und Arbeit gibt es in Masse.

Einen mehr detaillierten Rapport aus Mangel an freien Zeit kann ich nicht liefern – in kurzer Zeit wird er fertig gemacht.

Vorsitzender der Gebietsmiliz – Sawizkij.

(Aus den Unterlagen des Staatsarchiv des Odessa-Gebietes, Ukraine)

Bemerkung:

*Ackerman – Stadt Belgorod-Dnestrowskij

**Bolschaja Ackarsha – Kolonie Großliebental

***Malaja Ackarsha – Kolonie Kleinliebental

****Karagol – Kolonie Franzfeld

Source: Odessa Regional State Archive, Odessa, Ukraine. File R2106-3-242. Language: Russian. Found by Valery Mock – 2004. Translated by Nikodemus Heinz – 2007.

©2007 Nikodemus Heinz

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